Die Hymenopteren oder Hautflügler sind nach den Käfern und Schmetterlingen eine der artenreichsten Insektenordnungen weltweit. Aktuell geht man von 154.000 beschriebenen Arten aus, die zu 143 Familien gehören. Doch die wirkliche Artenzahl dürfte deutlich höher liegen, Fachleute gehen von einer 10 bis 20 mal so hohen Diversität aus.
In Deutschland sind über 10.000 Arten nachgewiesen. Diese teilen sich auf drei sehr unterschiedliche Gruppen auf, die neben ihrem Aussehen auch anhand ihrer Lebensweise leicht unterschieden werden.
Pflanzenwespen
Die Pflanzenwespen (Symphyta) weichen am stärksten vom üblichen Bauplan der Hymenopteren ab. Ihnen fehlt die namensgebende Wespentaille, der Hinterleib ist bei ihnen mit dem Thorax breit verwachsen. Mit wenigen Ausnahmen ernähren sich die Larven der rund 700 deutschen Arten von verschiedenen Pflanzen und gleichen im Aussehen den unbehaarten Raupen von Schmetterlingen. Lediglich die Larven der Holzwespen entwickeln sich in Holz. Obwohl es für die europäischen Arten der Pflanzenwespen einen aktuellen Bestimmungsschlüssel gibt, sind Bearbeiter rar gesät. Ein deutsches Forschungszentrum für Symphyta befindet sich jedoch gleich um die Ecke, im Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg in Brandenburg.
Parasitica
Die artenreichste Teilgruppe der Hymenopteren stellen mit über 8000 deutschen Arten die „Parasitica“ dar. Dazu gehören vor allem die sehr artenreichen Schlupf- und Brackwespen sowie die teilweise winzigen Erzwespen. Das kleinste Insekt der Welt ist mit 0,14 – 0,24 mm die zu den Erzwespen gehörende Zwergwespe (Mymaridae) Dicopomorpha echmepterygis. Neben diesen Überfamilien gibt es bei den Parasitica noch eine Reihe weiterer und meist artenarmer Familien.
Wie der Name schon sagt, entwickeln sich fast alle Arten als Parasitoide in den verschiedenen Entwicklungsstadien anderer Insekten oder Spinnen. Daher sind viele Arten gerne gesehene Gegenspieler von land- oder forstwirtschaftlichen Schädlingen. Gallwespen entwickeln sich hingegen meist in Pflanzengallen, die die Larven durch eigene Sekrete selbst erzeugen. Fast alle Gruppen der „Parasitica“ gelten als schwer bestimmbar, zudem gibt es sowohl in Deutschland auch als weltweit kaum Bearbeiter.
Stechimmen
Die dritte Gruppe der Hautflügler bilden die Stechimmen. Im Gegensatz zu den vorigen Gruppen erfreuen sie sich bei Fachleuten, aber auch bei Naturfotografen und sonstigen Naturliebhabern besonderer Beliebtheit. Insbesondere die Wildbienen stehen dabei im Fokus des Interesses und werden auch bei naturschutzfachlichen Planungen und bei ökologischen Fragestellungen gerne mit herangezogen. Doch auch die Goldwespen mit ihren wundervollen grün-, rot – oder goldmetallischen Farben sind vielen Menschen bekannt.
Alle Stechimmen mit Ausnahme der parasitischen Arten betreiben eine teils hoch entwickelte Brutfürsorge. Das unterscheidet sie von den Blattwespen und den Parasitica. Einige Arten wie die Ameisen, die sozialen Faltenwespen oder manche Bienen sind sogar zur Staatenbildung mit einer deutlichen Ausdifferenzierung von Kasten und einer Arbeitsteilung bei der Pflege des Nachwuchses übergegangen.
Bei den Stechimmen wird zwischen den Ameisen, den Bienen und den aculeaten Wespen unterschieden. Die rund 110 deutschen Ameisenarten fristen in ihrer Beliebtheit bei Taxonomen eher ein Nischendasein, auch weil die Bestimmung nicht ganz trivial ist. Doch sie werden von Verhaltensforschern wegen ihrer sehr komplexen und vielschichtigen Lebensweise als hoch soziale Arten mit einer teilweise sehr komplexen Staatenbildung gerne zu Studienzwecken verwendet.
Zu den aculeaten Wespen zählen so bekannte Arten wie die Hornisse, die Deutsche Wespe oder verschiedene Sandwespen. Auch die mit rund 60 Millimeter Körperlänge größten Wespen der Erde, die südamerikanischen Wegwespen der Gattung Pepsis, welche Vogelspinnen zur Larvalversorgung jagen, gehören zu den Stechimmen. Aus Deutschland sind rund 590 Arten dieser Wespen bekannt. Für alle Familien gibt es gute und aktuelle Bestimmungsliteratur. Doch die Bestimmung selbst ist nicht trivial und erfordert Erfahrung und eine längere Einarbeitungszeit.
Die aculeaten Wespen sind Brutparasiten. Die Weibchen fangen Larven oder Imagines von Spinnen oder Insekten, lähmen diese mit einem Stich ins zentrale Nervensystem, tragen die wehrlosen Beutetieren in ihre Bruthöhle ein, legen ein Ei dazu und verschließen diese. Die Larven ernähren sich dann von den Beutetieren und schlüpfen meist im Folgejahr aus dem Nest. Ein Teil der Arten lebt als Brutparasit, in dem die Weibchen ihr Ei in das Nest einer Wirtsart einschmuggeln, wo sich die Larve dann anstelle der Wirtslarve entwickelt. Sie frisst entweder den Nahrungsvorrat oder die Wirtslarve selbst. Die sozialen Faltenwespen leben in hingegen Völkern und ernähren sich und ihre Larven räuberisch.
Die Wildbienen sind die bekannteste und sowohl weltweit als auch in Deutschland die artenreichste Gruppe der Stechimmen. Aus Deutschland sind aktuell 607 Arten nachgewiesen. Alle Arten ernähren ihre Larven von Blütenpollen und Nektar, wobei einige Arten wie bei den aculeaten Wespen zu einer brutparasitischen Lebensweise übergegangen sind. Viele vor allem tropische Bienen entwickelten zudem eine soziale Lebensweise mit großen und teils mehrjährigen Völkern. Bei sind nur die Honigbiene, die Hummeln sowie wenige Schmal- und Furchenbienenarten zu einer sozialen Lebensweise übergegangen.
Obwohl es für Wildbienen inzwischen sehr viel Bestimmungsliteratur gibt, ist die Identifizierung vieler Gattungen keinesfalls trivial und erfordert wie bei den Wespen Erfahrung und eine längere Einarbeitungszeit. Ein kleinerer Teil der Arten lässt sich jedoch bereits im Feld oder anhand von Fotos bestimmen.
Last but not least sollen die drei artenarmen Familien der Plattkopfwespen (Bethylidae), Zikadenwespen (Dryinidae) und die Widderkopfwespen (Embolemidae) nicht vergessen werden. Die Arten leben sehr versteckt, werden selten gefunden und es gibt in Deutschland und Europa kaum Bearbeiter.
Die Stechimmen teilen sich in Deutschland auf 15 Familien auf. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass die Bienen inzwischen in sieben und der Grabwespen in insgesamt zehn Familien aufgespalten werden. Eine Übersicht über die deutschen Stechimmenfamilien findet sich bei Schmid-Egger et al. (2021): Zur Benennung der Familiengruppen bei den Stechimmen (Hymenoptera: Aculeata). Ampulex 12. 76-78, auch im Web verfügbar. http://www.ampulex.de/ampu12.pdf
Christian Schmid-Egger
Literatur
Dathe, H., Saure, C. (2000): Rote Liste und Artenliste der Bienen des Landes Brandenburg (Hymenoptera: Apidae) – Naturschutz und Landschaftspflege in Brandenburg 9 (1): Beilage.
Saure, C. (2005): Rote Liste und Gesamtartenliste der Bienen und Wespen (Hymenoptera part.) von Berlin mit Angaben zu den Ameisen. In: Der Landesbeauftragte für Naturschutz und Landschaftspflege / Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hrsg.): Rote Listen der gefährdeten Pflanzen und Tiere von Berlin. CDRom.
Schmid-Egger, C. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Wespen Deutschlands. Hymenoptera, Aculeata. – In: Binot-Hafke, M.; Balzer, S.; Becker, N.; Gruttke, H.; Haupt, H.; Hofbauer, N.; Ludwig, G.; Matzke-Hajek, G. & Strauch, M. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 419–465.
Westrich, P. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Bienen (Hymenoptera, Apidae) Deutschlands. In: Binot-Hafke, M.; Balzer, S.; Becker, N.; Gruttke, H.; Haupt, H.; Hofbauer, N.; Ludwig, G.; Matzke-Hajek, G. & Strauch, M. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 373–416.