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PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 11.12.2007

Anwesend: 10 Mitglieder FG NABU, 10 Mitglieder ORION, 2 Gäste

Vorsitz: Thomas Ziska

Beginn: 19 Uhr

Thema: Ein Blick zurück: Köcherfliegen (Trichoptera) am Rhein um 1890

Referent: Dr. Wolfram Mey


Thomas Ziska begrüßte die Anwesenden und verlas das Protokoll vom 13. November 2007.

Darauf konnte Herr Dr. Wolfram Mey mit seinem Vortrag beginnen.

Historisches Trichoptera-Material vom Rhein wurde im Museum für Naturkunde Berlin entdeckt. Es handelt sich um 17 Arten. Darunter sind 6 in Deutschland verschollene oder vom Aussterben bedrohte Arten. Eine Art, Ylodes kawraiskii Martynov, ist ein Erstnachweis für Deutschland. In den Jahren 2004 und 2005 wurde an derselben Stelle wie 1890 von H. Tentes, eine Erfassung der aktuellen Trichoptera-Fauna vorgenommen.

Ein spektakuläres Beispiel für den Wert alter Sammlungen ist die Entdeckung der Hydropsyche tobiasi Malicky, 1977. Die Art ist auf der Basis von altem Museumsmaterial vom Mittelrhein beschrieben worden. Die vorhandenen Exemplare sind die einzigen Belege bis heute geblieben. Neues Material ist trotz intensiver Suche bisher nicht gefunden worden.

Bei Sammlungsarbeiten zur Neuaufstellung der Trichoptera Kollektion im Museum für Naturkunde Berlin ist der Verfasser auf eine kleine Köcherfliegenausbeute gestoßen, die 1890 am Rhein gemacht wurde. Es handelt sich um 60 genadelte bzw. minutierte Imagines, die sich auf 17 Arten verteilen. Sie wurden von H. Tetens bei Sankt Goarshausen vom 15. August bis 15. September 1890 gesammelt. Die Arten wurden determiniert und anschließend in die systematische Hauptsammlung eingeordnet.

Der damalige Kustos der Coleoptera-Abteilung des Berliner Museums hat eine Köcherfliegenart nach ihm benannt: Orthotrichia tetensii Kolbe, 1887, die von H. Tetens selbst in Berlin gesammelt wurde. Sie gilt heute als jüngeres Synonym von O. costalis (Curtis, 1834)

Die Entdeckung des Materials mit seinen bemerkenswerten Arten veranlasste den Referenten, Anfang September 2004 an den Rhein nach St. Goarshausen zu reisen und zur gleichen Zeit wie 1890 gezielt nach Köcherfliegen zu suchen. Ein Jahr später wurde erneut das Gebiet am Mittelrhein zwischen St. Goarshausen und Kaub aufgesucht. Diesmal stand die Suche nach der verschollenen Hydropsyche tobiasi im Vordergrund.

Als geeignete Sammelmethode hat sich an Flüssen der Einsatz von Lichtfallen bzw. der Lichtfang erwiesen. Die gesammelten Tiere wurden teilweise genadelt und gespannt. Hier waren mein mitgereister Präparator Konrad Ebert und Manfred Gerstberger eine große Hilfe. Das Material befindet sich im Museum für Naturkunde Berlin.

Von den 17 Arten konnten vom 09.-12.09.2004 nur 6 Spezies erneut bei St. Goarshausen nachgewiesen werden. 11 Arten fehlten. Davon können jedoch N. bimaculata und

P. flavomaculatus abgezogen werden, die von Schöll & Becker (1992) bei Goar, auf der gegenüberliegenden Rheinseite, gemeldet wurden. O. costalis und S. punctatus wurden ein Jahr später gefunden. Die Potamophylx Art ist eher als Rhithralbewohner einzustufen und stammt vielleicht von einem Seitenbach. Bleiben 6 Arten und Hydropsyche tobiasi übrig.

Von insgesamt 17 gesammelten Arten im Jahre 1890 sollen hier einige Arten genannt werden.

  • Rhyacophila pascoei McLachlan, 1878
    Bei Le Roi (1914) wird die Art für die „Rheinprovinz" aufgeführt, allerdings ohne konkreten Fundort. Döhler (1950) bestätigte die Angabe durch einen Nachweis aus dem Rhein bei Köln-Mühlheim. Seitdem ist die Art am Rhein nicht wieder gefunden worden. Sie muß weiterhin als verschollen gelten.
  • Agapetus laniger Pictet, 1834
    Die Art ist vom Mittelrhein durch Le Roi (1914) und Lauterborn (1918) gemeldet worden. Sie ist auch im Oberrhein verbreitet gewesen (Neeracher 1910). Von wo sie aber noch nicht wieder nachgewiesen wurde. Die Art ist aber aus der Schweiz gemeldet worden (Lubini-Ferlin & Vicentini 2005), wo sie nach wie vor im Hochrhein vorkommen dürfte.
  • Stactobiella risi (Felber, 1908)
    Felber (1908) hat die Art nach einem Exemplar vom Rhein bei Basel beschrieben. Der Nachweis von St. Goarshausen zeigt, dass die Art früher weiter verbreitet war. Tetens war sich über die Art nicht sicher. Sie muss heute weiter noch als verschollen gelten.
  • Hydroptila lotensis Mosely, 1930
    Ein Männchen vom 24.08.1890. Die Art wird hier zum ersten Mal als Rheinbewohner namhaft gemacht. Sie ist erst vor kurzem in Baden-Württemberg gefunden und als Erstnachweis für Deutschland publiziert worden (Peissner et al. 1998).
  • Chimarra marginata (Linnaeus, 1767)
    Le Roi (1914) führt mehrere Fundorte auf, ohne jedoch den Rhein explizit zu erwähnen. Weder aus Nordrhein-Westfalen noch aus Rheinland-Pfalz gibt es aktuelle Funde (Fischer & Neu 1998, Robert & Wichard 1994).
  • Ylodes kawraiskii (Martynov, 1909)
    Das vorliegende Exemplar vom 01.09.1890 ist der älteste und gleichzeitig erste Nachweis der Art in Deutschland. Neues Material wurde bisher nicht gemeldet.
  • Hydropsyche tobiasi Malicky, 1977
    Die Typenserie der Art befindet sich im Zoologischen Museum Hamburg. Beim Lichtfang ist besonders nach dieser Art Ausschau gehalten worden. Leider ohne Ergebnis. Die Art bleibt verschwunden.
    Die nicht wieder gefundenen Arten müssen am Rhein nach wie vor als verschollen gelten. Unter den wieder gefundenen bzw. neuen Arten sind die folgenden 4 Arten, die eine Erwähnung verdienen:
  • Tinodes assimilis McLachlan, 1865
    Bei den am Tage durchgeführten Sammlungen am Rhein wurden auch die einmündenden Bäche zwischen Loreley und Kaub besammelt. Bei den kleinen Bächen gibt es an der Unterführung unter der Uferstraße kurz vor dem Rhein meist einen betonierten Absatz, über den das Wasser fließt. Im Bereich dieses Absatzes befinden sich mehr oder weniger ausgedehnte, hygropetrische Stellen. Dort leben die Larven von T. assimilis.
  • Polycentropus irroratus Curtis, 1835
    Die Art wird hier zum ersten Mal für den Mittelrhein genannt. Es ist eine weit verbreitete Art, die vor allem in Flüssen vorkommt. Sie kann ebenfalls als Anzeiger für die Verbesserung der Wasserqualität angesehen werden.
  • Setodes punctatus (Fabricius, 1793)
    Nach den zahlreichen Fundorten zu urteilen war die Art früher am Rhein sehr häufig (Le Roi 1914) In der Erfassung der Rheinfauna durch Schöll & Becker (1992) fehlt die Art noch. Auch Fischer & Neu (1998) und Robert & Wichard (1994) führen keine neuen Funde an. Damit ist die Art mit den Funden von 2005 erstmals wieder für die Rheinfauna belegt. Sie kann geradezu als Beispiel für die Erholung der Fauna gelten.
  • Leptocerus lusitanicus (McLachlan, 1884)
    Die Art ist zum ersten Mal am Oberrhein durch Schöll (1992) nachgewiesen worden. Es war der erste Fund in Deutschland. Die zeitliche Abfolge der faunistischen Nachweise von L. lusitanicus suggeriert, dass die Art in Ausbreitung begriffen ist. Man kann die Ausbreitung allerdings auch als Wiederbesiedlung verloren gegangener Habitate bzw. Gewässer deuten.

Die positive Entwicklung der Rheinfauna wird anhand der vorliegenden Arten bestätigt. Das düstere Bild, das vor 26 Jahren gezeichnet wurde (Capers 1980, Malicky 1980), gehört der Vergangenheit an. Hydropsyche contubernalis dominiert nicht mehr die Trichoptera-Fauna. Es sind bereits 20 Arten in verschiedenen Abundanzstufen vorhanden. Richtig häufig ist wieder Psychomyia pusilla. Sie fliegt von Ende April bis in den September und kommt in großer Zahl ans Licht. Diese erfreuliche Entwicklung suggeriert, dass es wieder eine intakte Lebensgemeinschaft geben wird.

Es ist eine interessante und spannende Aufgabe, die weitere Entwicklung der Rheinfauna zu beobachten und zu dokumentieren. Erst die Zukunft wird zeigen, welche Stufe der Prozess heute erreicht hat, ob es überhaupt eine vollständige Rekolonisation gibt und ob Hydropsyche tobiasi tatsächlich ausgerottet worden ist.

Der gesamte Vortrag wurde mit Tabellen und Fotos anschaulich für die Anwesenden präsentiert. So bekam der Referent für seinen Vortrag und seiner Veröffentlichung in der Zeitschrift „Lauterbornia 56: 168, D-86424 Dinkelscherben, 2006-03-15, viel Beifall.

Eine rege Diskussion ergab sich noch durch viele Fragen zu den Trichopteren. Der Referent Dr. Wolfram Mey konnte sie alle beantworten.

Weitere entomologische Themen für die Zukunft konnten dann anschließend in großer Runde in den Chausseestuben behandelt werden.


Michael Woelky