Insektensammeln - Artenschutzverordnung - unvereinbar?
Der Artenreichtum der Insektenwelt ist fast unüberschaubar. Nie wird es ein
menschliches Gehirn geben, das Merkmale, Lebensweise und Umweltansprüche aller
Insektenarten speichern könnte. Diese Aufgabe entspräche dem Versuch, alle Einwohner
Berlins persönlich zuerkennen und die wichtigsten Daten ihrer Biographie zu wissen .
So sind Entomologen immer Spezialisten für einen Ausschnitt der Insektenwelt, und ohne
ihre Sammlung als wichtigem Arbeitsmittel wären sie ziemlich hilflos. Erst die
Beschäftigung mit einer Teilgruppe erschließt dem Entomologen wirklich die hohe
ökologische und morphologische Differenziertheit der Insekten. Die Arbeits- und
Belegsammlung des Entomologen hat nichts mit dem Wandschmuck eines Insektenkastens mit
schönen Schmetterlingen zu tun, den man in jedem bürgerlichen Haushalt findet. (Wer es
nicht glaubt: Überprüfen Sie dies an Serien, Krimis und ähnlichen Produktionen des
Fernsehens! Ein Schmetterlingskasten hängt fast immer an der Wand.)
Hier ein Beispiel aus meiner Sammlung: die LAUFKÄFERGATTUNG HARPALUS Nur eine von
bestimmt über 1000 Laufkäfergattungen; und die Laufkäfer sind dabei nur eine von weit
über 100 Käferfamilien ; und die Käfer sind ja wieder nur eine von 35
Insektenordnungen.
WARUM SAMMELT MAN SO ETWAS ? Ist es irgendwie wichtig, dass man möglichst viele
irgendwo einmal entdeckte Arten "hat" ? Sind die "Sammler", die alles
"haben wollen" nicht Hauptverursacher für die Ausrottung zahlloser Arten ?
Naturschutzgesetze und Artenschutzverordnungen, ausgearbeitet und verabschiedet meist
von Laien, drücken sich weitgehend um wirksame Schutzvorschriften und reglementieren als
Alibimaßnahmen stattdessen die Insekten-"sammler". Was bei Wirbeltieren richtig
ist, fahrlässigen oder vorsätzlichen Fang oder Abschuss zu verbieten, ist bei den
großen Populationen wirbelloser Tiere abwegig. Ohne Entnahme von Einzeltieren bleiben sie
fast immer unbestimmbar, ohne kleine Stichproben erfahren wir nicht einmal etwas über
Gefährdung oder Verschwinden einheimischer Arten.
Wäre dies denn schlimm, wenn etwa die Hälfte der Harpalus-Arten aussterben ? Für den
Laien sieht doch eine Art fast wie die andere aus, und besonders prächtig sind sie alle
nicht ! Erst der Entomologe erkennt, dass doch jede Art ihre besondere "ökologische
Nische" besetzt, an jeweils andere Standortbedingungen gebunden ist, in ihrer
Funktion im Ökosystem kaum durch andere ersetzbar ist. Artenschutz darf daher nicht auf
einzelne "schöne" Tierarten oder auf bekannte Wirbeltiere verengt werden.
Ökosysteme brauchen zum Funktionieren die ganze Breite ihres Arteninventars. Artenschutz
bedeutet "Naturschutzmanagement", und ohne Detailkenntnis geht das nicht. Was
nützen strenge Artenschutzbestimmungen, wenn man zwar "schützt", aber nicht
weiß, was man schützt, wo man Maßnahmen treffen muss und wie man das machen sollte ?
Nur manchen Politikern wäre dies recht. Man könnte immer ( folgenlos) konsequenten
Artenschutz fordern, "nur nicht ausgerechnet hier und durch uns".
Die Kriminalisierung insbesondere der Amateurentomologen durch Naturschutzgesetze muss
ein Ende haben ! Zweihundert ernsthafte Entomologen mehr für Berlin wären ein Gewinn
für den Artenschutz, nicht eine Gefahr.
Welcher Entomologe versteht nicht die Faszination , die von den Prachtgestalten der
Insektenweit ausgeht ! Aber auch Ihr vielleicht zusammengekaufter Schaukasten sollte
Auslöser für weitergehendes Interesse an der Insektenwelt sein ! Sonst ist er
entbehrlich . Der Entomologische Verein ORION ist Anlaufstelle auch für den Anfänger.
Nach der Schelte für den Gesetzgeber nun noch ein LOB FÜR DIE BERLINER
NATURSCHUTZBEHÖRDEN. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten aus, um durch
Ausnahmegenehmigungen eine Kriminalisierung entomologischer Arbeit zu vermelden. Die
Berliner "Sammler" vermeiden Missbräuche ; ihre Beobachtungen und Ergebnisse
sollen einem effektiven Biotop- und Artenschutz dienen. Deshalb gibt es in Berlin nicht
die in manchen Bundesländern übliche Konfrontation zwischen Naturschutzbehörden und
Amateurentomologen.
Prof. Horst Korge

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