Thema : Sitzungsprotokolle für die Wissenschaft vor 100 Jahren
Der I. Vorsitzende Michael Woelky begrüßte die kleine Runde und bedauert
die heutige geringe Teilnahme.
Seit 16 Uhr 30 ist Mitglied Manfred Schneider bereits wieder mit der Erweiterung
der Käferbestimmungssammlung von Mitteleuropa beschäftigt. Zurzeit sind 60 neue
Insektenkästen sehr übersichtlich geordnet und gesteckt. Nun ist noch die umfangreiche
Familie der Rüsselkäfer neu zu ordnen. Hier bittet Manfred Schneider noch um
Mitarbeit der Spezialisten.
Stefan Gottwald ist mit der Erfassung aller entomologischen Zeitschriften
beschäftigt. Nach Fertigstellung soll die Möglichkeit bestehen, den Umfang aller
Schriften auch im Internet aufrufen zu können.
Durch die Sichtung einiger Schriften wurde ich für das heutige Thema animiert.
Unsere Vereinschronik gibt hier schon den Hinweis auf das Vorhandensein unseres
Vereins in Entomologischen Schriften um 1900. So gibt es immer wieder Vereinsberichte
in den Entomologischen Jahrbüchern von Dr. Oskar Krancher. Ein Bericht über
den ORION soll hier wieder gegeben werden.
Aus dem „Entomologisches Jahrbuch XV. Jahrgang Kalender für alle Insekten-Sammler
auf das Jahr 1906"
Vereinsberichte
Verein „ORION zu Berlin"
Der Vereinsvorstand besteht aus den Herren: I. Vorsitzender: A. Guhn,
O., Zorndorfer Str. 39. II. Vorsitzender: Möckel. I. Schriftführer:
G. Kurzweg, SO., Reichenbergerstr. 95. II. Schriftführer: R. Rohrmann.
Kassierer: M. Wrede.
Die Sitzungen finden jeden Freitagabend von 9 Uhr an Landsberger Strasse
73 statt.
Der Verein besteht gegenwärtig 13 Jahre. Seine Mitgliederzahl nimmt
langsam aber stetig zu und ist auf 35 gestiegen. Die Vereinssammlung,
hauptsächlich die Berliner Fauna umfassend, geht hurtig ihrer Vervollständigung
entgegen. Die Bibliothek ist auch in diesem Jahre wesentlich bereichert
worden. Das vor einigen Jahren angelegte Herbarium bietet namentlich
den jüngeren Mitgliedern einen sichern Wegweiser, auch seltenere Raupen
aufzufinden. Unter den Mitgliedern herrscht eine eifrige Sammeltätigkeit;
so wurden auch in diesem Jahr wieder einige Tiere im Gebiet aufgefunden,
welche bisher nicht in den neuen Berliner Verzeichnissen aufgeführt
waren. (Ino globulariae Hb., Crocallis elinguaria L., Lycaena coridon
ab. cinnus Hb., Pararge achine) Neben der Aufzucht seltener Bombyciden
und Noctuiden befaßt sich ein Teil der Mitglieder erfolgreich mit der
Zucht kleinerer Geometriden, besonders Eupithecien. Zwei Mitglieder
konnten überraschende Resultate durch Kälte- und Wärme-Experimente aufweisen,
unter anderen die mehrfach abgebildeten und beschriebenen Aberrationen
von Vanessa io, V. urticae, V. antiopa und Polygonia c-album.
Die Sitzungen waren infolge des reichlich vorliegenden wissenschaftlichen
Materials sehr interessant und recht zahlreich besucht.
In der Berliner Entomologischen Zeitschrift, Band LIV, Jahrgang 1909 sind
alle Sitzungsprotokolle des „Berliner Entomologischen Vereins gegründet 1856.
E.V." für das Jahr 1908 vorhanden. Unter kleine Mitteilungen ist ein humorvoller
Beitrag zu lesen -er sei hier in voller Länge wiedergegeben-:
Der überfallene Necrophorus
Am 18. Juni d.J: besuchte ich den Zoologischen Garten in Berlin und ergötzte
mich an den Balgereien und Sprüngen der Bewohner das großen Affenzwingers.
Plötzlich flog, offenbar durch den hier herrschenden Duft angelockt, ein
Käfer (Totengräber, wahrscheinlich Necrophorus vespillo) in den Zwinger.
Selbstverständlich hatte umgehend ein grau und weißlich gefärbter größerer
Affe mit brauner Kopfoberseite den Käfer behend ergriffen und begann ihn
in Gemeinschaft mit einem hinzugesprungenen Artgenossen eingehend zu untersuchen.
Die durch breite rotgelbe Deckenbinden verzierten Vorderflügel des Käfers
schienen tiefen Eindruck auf die Affen zu machen, doch die Untersuchung
des zappelnden Käfers ging weiter. Plötzlich machten die Affen große Augen,
denn sie hatten die Milben entdeckt, welche bekanntlich die Necrophorus-Arten
auf ihrer Körperunterseite als Schmarotzer in großer Anzahl tragen. Nun
begann ein reguläres Ablausen, jede Milbe verschwand einzeln in dem Affenmagen,
und diejenigen, welche bei der leckeren Mahlzeit zur Erde fielen, wurden
von dem Partner sorgfältig aufgelesen und verspeist.
Nachdem der arme Totengräber von dem Affen fast zu Tode gedrückt und weggeworfen
war, kroch er wankenden Schrittes, von Parasiten befreit, im Sande dahin.
H. Auel, Potsdam